Stairway to Heaven

25. Mai 2019 - 09:52:02
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren. Haben Sie Ihre Aktivierungs E-Mail übersehen?


Stairway to Heaven » Lyrik » Teamwork (Moderator: Wolfsskin) » Kettengeschichte

Autor Thema: Kettengeschichte  (Gelesen 4490 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Wolfsskin

  • Warmes Licht des Forums
  • Administrator
  • aufgestiegener Meister
  • *****
  • Beiträge: 9436
  • Kritik ist ausdrücklich erwünscht!
    • Stairway-to-heaven.de
Kettengeschichte
« am: 04. Februar 2007 - 18:27:30 »
Vorwort:

Wir schreiben das Jahr 1054.
Es ist die Blütezeit des Rittertums und des römisch-deutschen-Kaiserreichs, des Lehnwesens und des Minnegesangs.

Der König herrschte über weite, grüne Ländereien.
Seine Königin war die Seele des Königreichs, warmherzig und stets freundlich zeigte sie sich auch gern mal in den Dörfern, was dem König gar nicht gefiel.

Zu des Königs Schloss gehörte sein Gesindehaus, in dem die Mägde und Knechte wohnten.
Eine schöne Magd, königlichen Blutes, hatte sich dort heimlich als verarmte verwaiste Tochter eines Bauern aus den Auenländern eingeschlichen. Doch ihr Ansinnen war ein ganz anderes, als hier ihren Lebensabend als einfache Magd zu bestreiten.

Der forsche Knecht, der die Pferde versorgte, hatte jedoch ein Auge auf sie geworfen und stieg ihr bei jeder Gelegenheit nach. Doch was sie nicht wusste, er kam ebenfalls aus dem Auenland.
Ihm waren die dort noch lebenden Elfen und Kobolde noch sehr vertraut, doch beschlich ihn immer öfter der Gedanke, dass diese Magd nicht weiß, woher sie kommt.

Die Untergebenen des Königs bestritten ihren Lebensunterhalt durch Ackerbau und Viehzucht.
Der Tauschhandel blühte. Eigentlich war es eine friedliche Zeit, doch die Kreuzzüge machten das Leben schon arg schwer.

In einem Dorf, nahe der Flussmündung lebte eine kleine Familie.
Der Vater besaß ein bescheidenes, aber gemütliches Wirtshaus, in dem sich die Bauern nach verrichteter Arbeit zu Wein, Weib und Gesang trafen.

Doch hin und wieder kehrten auch mal Fremde dort ein.

Wie die Einheimischen wurden sie durch die Bauersfrau freundlich bewirtet und stets gut bekocht.
Doch den Augen der Bäuerin entging selten etwas, was ihr vielleicht mal zum Verhängnis werden könnte.

Beide Söhne der Eheleute halfen im Wirtshaus aus, waren stets humorvolle Gesprächspartner.
Viele Gespräche bekamen die beiden Söhne des Bauern mit, doch nie sprachen sie darüber. Vielleicht hätten sie es lieber mal getan...

Die schönsten Tage waren die des Erntedankfestes.
Obwohl die Bauern ihre Abgaben an den König zahlen mussten, so blieb dieser stets gerecht und ihnen blieb genug für den Winter übrig, der in dieser Gegend sehr streng werden konnte.
Minnesänger waren immer gerngesehene Gäste, brachten sie doch stimmungsvolle Abwechslung in das Fest und einen gut gefüllten Talerbeutel.



Ihr seid nicht in euren Körper eingeschlossen,
noch an die Felder oder Häuser gebunden.
Das, was ihr seid, wohnt über dem Berg
und treibt mit dem Wind.

Khalil Gibran (1883 - 1931)

marengo

  • Gast
Re: Kettengeschichte
« Antwort #1 am: 06. Februar 2007 - 21:15:58 »
Ich bin Demud, die Frau Lamberts. Wir haben zwei lebende Söhne,
Odo und Giso. Unser Dasein ist karg, das Essen knapp und die Arbeit
auf dem kleinen Hof geht niemals aus. Hätten wir nicht noch das vom
Vater ererbte Krugrecht und  drei  Ziegen im Stall, gäbe es viel Grund
zum Klagen.

Den Krug versehe ich hauptsächlich allein. Mein Mann hat mit dem Hof und
der Fischerei zu tun. Unsere Wirtschaft liegt direkt an der Biegung des
Flusses und so können wir unseren Gästen Fisch in vielerlei Art anbieten,
wobei Lachs am beliebtesten ist. Des Weiteren haben wir weißen Käse
aus Ziegenmilch mit Zwiebeln, graues Brot, Lavendelbier und Met
zu bieten. Auf Bestellung kochen wir auch Fleisch mit Pastinaken
und Löwenzahn. Ganz selten einmal Schwan, denn die brüten meistens  in den
Schilfgürteln flussabwärts von hier.

Lambert, mein Mann, ist oft stundenlang  mit dem Kahn auf dem Wasser unterwegs,
wo er während des Fischens leider reichlich vom selbst gebrauten Biere zu sich nimmt.
Mit dem Kahn setzt er auch  Reisende über, die von hier weiter Richtung Norden
wollen. Zumeist kehren diese auf einen Becher bei mir ein. Gar manch grausige Geschichte
kam mir dabei zu Ohren. Und erschien mir die eine oder andere als zu weit hergeholt,
tat ich dennoch, als glaubte ich sie. Mir ist stets daran gelegen,  frohen Sinnes viele
Krüge Bier und ein gerüttet Maß an Brot und  Käse zu verkaufen.

Meine Söhne Odo und Giso sind wohlgeraten an Wuchs und Geist. Ein jeder hat sie
gern um sich und selbst der Lehnherr ist ihnen freundlich zugetan, wie einst mir.
Lambert ist gar nicht froh darüber und wird leicht garstig, wenn die Rede darauf kommt.

©Marengo
06.02.07
      8)








Offline Wolfsskin

  • Warmes Licht des Forums
  • Administrator
  • aufgestiegener Meister
  • *****
  • Beiträge: 9436
  • Kritik ist ausdrücklich erwünscht!
    • Stairway-to-heaven.de
Re: Kettengeschichte
« Antwort #2 am: 10. Februar 2007 - 16:19:50 »
Endlich war Sonntag. Der König gab seinem Personal sonntags einen halben Tag frei und er, Rocko, durfte  jeden Sonntag eins der Pferde des Königs ausreiten,
anstatt sie nur zu putzen und die Ställe auszumisten. Das Wetter war auch traumhaft dafür, die Sonne scheint, es ist warm, aber nicht zu warm.
Schnell hatte er den Hengst Agendon gesattelt. Ein prächtiges Tier mit schwarzbraunem Fell, das in der Sonne glänzte,
wirklich eine imposante Erscheinung.
Heute zog es ihn an die Flussmündung, durch sattes frisches Grün der Flusswiesen und
vorbei an Pappeln und Eichen, die ihr junges Blattwerk im Wind wiegten.
Langsam verflogen auch seine Gedanken an die hübsche Magd. Keiner seiner Versuche, ihr näher zu kommen, hatten bisher Erfolg.
Agendon wieherte erwartungsvoll und Rocko legte sanft die Schenkel an und sofort bäumte sich Agendon leicht auf
und verfiel in einen ruhigen und entspannten Galopp.

Die Frühlingsluft wehte Rocko um die Nase und er war stolz, mit diesem Hengst heute unterwegs zu sein.
Am Ende der Wiese parierte er durch und Agendon trabte das letzte Stück bis zur Einmündung des Feldwegs, der hoch zur Schänke führte.
Dort wollte er sich einen Humpen Starkbier gönnen, den Demud, die Frau Lamberts und Wirtin der Schänke heimlich in einer Hütte am Waldrand braute.
Nur Freunde bekamen davon und er war seit vielen Jahren ein Freund der Familie. Mit den beiden Söhnen Odo und Giso war er eng befreundet.
Sie kannten sich noch aus der Zeit, als ein Wanderlehrer hier für ein paar Jahre mit Erlaubnis des Königs eine Schule betrieb.
Jeder im Dorf munkelte, dass wohl eher die Königin den König davon überzeugt hatte.
Wenn der König auf Feldzug oder bei der Besichtigung seiner Ländereien war, musste er ihr oft ein Pferd satteln, mit dem sie dann heimlich ins Dorf ritt.
In ihrem Beutel hatte sie immer Geschenke für die Kinder dabei und auch jedes mal eine Geschichte im Kopf. Sie saß mit den Kindern unter den Bäumen und erzählte ihnen mindestens eine Geschichte, wobei die Kinderaugen stets leuchteten.
So lange, bis die Sonne sich den Baumwipfeln näherte. Dann war es Zeit für die Kinder zu schlafen und Zeit für sie, nach hause aufzubrechen.
Die Leute liebten und verehrten ihre Königin. Sie ist ein feiner Mensch.

Als Rocko den Feldweg hoch kam, konnte er schon die Männer und Frauen sehen, die vor der Schänke auf Bänken saßen. Sie lachten und prosteten sich zu.
„Ah, da kommt Rocko!“, rief Engelbert mit seinem Rauschebart.
Die Köpfe drehten sich zu Rocko um und sofort wurde er freundlich begrüßt. Rocko sprang vom Pferd.
„Hallo liebe Freunde. Habe ich es mir doch gedacht, dass ihr hier alle beieinander sitzt und es euch gut gehen lasst.“, sprach Rocko mit einem Handgruß in die Runde.
„Setz´ dich zu uns Rocko, sobald du den Zossen im Stall hast.“ lachte Engelbert und zeigte auf den freien Platz neben ihm.
„Mach ich doch sehr gerne, lieber Engel. Bin gleich wieder da.“
Rocko führte Agendon hinter die Schänke in den Stall. Sattelte ihn ab, tränkte ihn und warf ihm ein Bündel Heu hin. Dann ging er wieder nach vorne.
„Ich habe noch nie erlebt, dass er sich erst um sich kümmert. Zuerst ist das Tier dran und dann erst er selbst.“ hörte Rocko gerade noch Engelbert, denn alle liebevoll Engel nannten, sagen.
„Natürlich lieber Engel, zuerst meine Tiere und dann ich selbst. Wie würdest du dich denn fühlen, wenn du verschwitzt und durstig nach hause kommst und deine Frau dich erst mal in den Garten jagt, um Unkraut zu jäten?“, lachte Rocko.
„Na das macht sie doch immer.“, lachte Engel und bekam sofort von seiner Gattin einen Klaps auf den Hinterkopf.
Alle lachten und Rocko setzte sich zu ihnen. Da kam auch schon Demud aus der Tür.
„Hallo Rocko, schön, dich mal wieder zu sehen. Nehme an du möchtest ein Freundgetränk?“, fragte sie mit einem spitzbübischen Lächeln um den Mund.
„Aber liebend gerne, werte Demud.“ gab er galant zur Antwort.


Ihr seid nicht in euren Körper eingeschlossen,
noch an die Felder oder Häuser gebunden.
Das, was ihr seid, wohnt über dem Berg
und treibt mit dem Wind.

Khalil Gibran (1883 - 1931)

Offline Pseudolin

  • Sanfte Stimme des Forums
  • Lichtkrieger
  • *****
  • Beiträge: 797
  • Kommentare und Kritik sind willkommen
Re: Kettengeschichte
« Antwort #3 am: 11. Februar 2007 - 14:57:56 »
Abt Servatius sass im Scriptorium des Lesesaal seines Klosters und dachte nach.
Er hatte darauf geachtet, dass alle 53 Brüder der Ordensgemeinschaft zu den Vigilien
erschienen waren und sich nach den ersten Lesungen des alten Testaments zurückgezogen.
Der Prior konnte auf Zucht und Ordnung achten, er hatte wichtigeres zu tun. Die
Zeiten waren schwierig. Es gärte allenthalben. Erst kürzlich hatte er von seinem Vetter
Anno, der gerade erst von Heinrich dem 3.  zum Domprobst von Goslar erhoben worden war,
die Nachricht erhalten, dass es zu einem Bruch mit der Ostkirche gekommen war.
Zwischem dem Patriarchen der orthodoxen Kirche Michael Kerullarius und Papst Leo IX.
hatte es erhebliche Differenzen gegeben, die damit endeten, dass der autokratische
Kardinal Humbert von Silva Candida eine Bannbulle mit der Exkommunikation überreichten.
Dies würde einen erheblichen Einfluss auf den Benediktinerorden haben, gingen doch hiermit
zahlreiche Pfründe die sie im Osten besassen verloren.
Zudem schien sich Kaiser Heinrichs Gesundeitszustand zu verschlechtern. Was die
derzeitige politische Ordnung noch instabiler machen könnte als sie schon war. War doch
der Erbfolger gerade mal 4 Jahre alt. Schon vor seiner Geburt mussten die Fürsten des Landes
auf dem üblichen Weihnachtsfeste in Pölde dem ungeborenen Tronfolger Treue schwören. Erst drei Jahre
alt wurde er, auf Betreiben seines kaiserlichen Vaters, durch die Reichsversammlung in Tribur, zum
König ernannt.
Seine Gedanken schweiften ab, als er sich versuchte die Gestalt seines Schulfreundes Anno
ins Gedächtnis zu rufen. Gemeinsam hatten sie das Stift St.Georg in Limburg besucht.
Asketisch und fanatisch so war er schon immer gewesen. Dazu äußerst ehrgeizig. Kein Mittel
war im zu schade, seine hohen sich selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Trotzdem war er
immer mit ihm zurechtgekommen.
Er rief sich selbst zur Ordnung.   
Der Camerarius, Bruder Viktor, war gestern abend zu ihm gekommen und berichtete, dass er
ihm zu Ohren gekommen sei, im 5 Reitstunden entfernten Dorf würde an der Flussmündung eine
Frau Namens Demud eigenes Bier an Gäste ausschenken.
Der Camerarius der in seinem Amt sowohl für die Küche als auch für die klostereigene Brauerei
verantwortlich war, wirkte sichtlich erregt und zornig. Er verlangte umgehend eine
durchgreifende Maßnahme des Abtes.
Nun, er würde sich darum kümmern müssen. Die Machtverhältnisse in dem Kloster waren nicht
so günstig für ihn, als das er sich darüber hätte hinwegsetzen können. Gerade Bruder Viktor
hatte selber auf den Posten des Abtes spekuliert, war ihm aber bei der Abstimmung knapp unter-
legen. So war er in seinem jungen Alter von 27 Jahren zu einem der jüngsten Äbte geworden.
Was also tun? Er beschloss erst einmal Erkundigungen einzuziehen.
Wer würde sich nun dafür am besten eignen? Es müsste schon einer der Laienbrüder sein.
Krudewig würde sich eignen. Der Sohn eines Leibeigenen des Klosters. Dieser hatte schon einige Botengänge für ihn erledigt.
Sah vollkommen nichtssagend aus und hatte die gute Eigenschaft Gehörtes nicht durch
irgendwelche Fantastereien auszumalen.
Seufzend erhob er sich, direkt nach der Laudes würde er nach ihm rufen lassen.
Langsam ging er die ausgetretenen Stufen des Lesesaales hinunter.....
Bleibe immer Du selbst

Offline Zzora

  • Suchender
  • **
  • Beiträge: 80
Re: Kettengeschichte
« Antwort #4 am: 11. Februar 2007 - 21:21:16 »
Annkatrin sass an dem kleinen Feuer an dem sie das Kaninchen briet und träumte vor sich hin...
Nun gab es auch ihre Mutter nicht mehr, den einzigsten Menschen , zu dem sie je eine menschliche Beziehung hatte.
Wer ihr Vater war, wusste sie nicht.Die Mutter nwurde überfallen und missbraucht als sie ihrem Vater Medizin aus der Stadt holte.
Er war Apotheker und hatte keine Söhne, nur Marle, seine einzige Tochter.Von den Brüdern war keiner älter als fünf Jahre alt geworden und im letzten Kindbett war auch die Mutter gestorben.Marle war damals acht Jahre alt gewesen und führte ihrem Vater von da an den Haushalt. Ihr wacher Verstand saugte alles an Wissen, was ihr geboten wurde, auf wie ein Schwamm.Sie sammelte Kräuter und füllte damit den Bestand der Apotheke auf.Auch die Früchte und Wurzeln in den Regalen waren sauber bearbeitet und alle Gläser sichtbar beschriftet.Ja, Marle war des Lesens und Schreibens kundig. Der Vater brachte sie seit sie laufen konnte zeitweise im Kloster unter.Marle fühlte sich wohl zwischen den verstaubten Büchern und begriff erstaunlich schnell.Der alte Abt hatte einen Narren an dem klugen Mädchen gefressen und fütterte es mit dem Wissen seiner Zeit.Als sie alt genug war, nahm die alte Muhme sie mit, wenn sie zu einer Geburt gerufen wurde.Die Hebamme hatte einen guten Ruf, der nicht zuletzt auf ihrer Reinlichkeit beruhte.Unter ihren Händen gediehen die Mütter und Babys und Marle passte auch hier sehr gut auf.
Sie war zu einer hübschen Jungfer herangewachsen und manch Bursche warb um sie. Aber sie wußte auch, dass sie mit der Heirat nicht mehr heilen durfte.Und sie wollte einen halbwegs verständigen und klugen Mann.Eine Frau als Ärztin oder Apothekerin war undenkbar und der Vater fürchtete, man könne sie als Hexe verbrennen.Denn alles was anders war, fürchteten die abergläubischen Menschen ihrer Zeit.Der Freund des Grafensohnes stellte ihr besonders nach. Wann immer er sie sah draussen in der Natur beobachtete er Marle mit Wohlgefallen und richtete auch immer das Wort an sie.Nicht, dass er Marle nicht gefiel, er hatte ein gewinnendes Lächeln und eine kräftige Gestalt.Aber Marle wollte nicht auf Hausarbeit und Kinderkriegen reduziert werden, auch fürchtete sie die wilden Kämpfe der jungen Männer. Gewalt war dem Mädchen verhaßt.Immer wieder schlug sie sein Werben aus.
Als der Vater dann selbst krank wurde, war sie sofort bereit, Medizin aus der Stadt zu holen. Sattelte das Pferd und galoppierte los. Es eilte, das Fieber war bedrohlich gestiegen und ihre Mittel halfen ihm nicht.Sie verschwendete keinen Gedanken daran, dass es für eine Frau allein auf der Landstrasse gefährlich werden könnte.
Marle sah weder die herrliche Landschaft noch die Nöte ihres Pferdes, das schon Schaumflecken bedeckten.Als es dann strauchelte als sie den Wald erreichte, sah sie die gespannte Schnur erst als sie am Boden lag.Aus dem Gebüsch sprangen maskierte Männer, durchsuchten die Satteltaschen und ihre Kleidung und nahmen ihr alles, was sie an Wert erkannten.Dann wurde sie ins Gebüsch geschleift und mißbraucht.Als sie aus ihrer Ohnmacht erwachte, waren Räuber und Pferd verschwunden.Sie wusch sich am Bach und machte sich zu Fuß nach Hause auf.Dort fand sie ihren Vater aber nur noch tot auf und die Leute tuschelten wegen ihrer Aufmachung.Nach der Beerdigung erzählte ihr die alte Muhme, dass man sie wegen Hexerei anklagen würde.Sie waren also scharf auf das Erbe ihres Vaters und wollten sie loswerden.Rasch packte sie ihr Bündel und verließ in der Nacht ihre Heimat. Sie ging Richtung Hochmoor, dorthin würde ihr niemand folgen.Sie wußte nicht, dass sie schwanger war und keinesfalls einsam und allein.
Für ihre Tochter Annkatrin war sie die ganze Welt. Oftmals wurden sie nicht richtig satt, mussten betteln.Aber Marle machte das beste aus ihrem geheimen Leben dort im Hochmoor. Machmal holte man sie als Kräuterweib oder Hebamme, dann kam etwas Glanz in die Hütte im Moor. Zum Spielen hatte Annkatrin nur ihre seltsamen kleinen Freunde.
Jetzt hatte sie ihre Mutter begraben müssen...wieder kullerten ihr die Tränen aus den Augen.Alles hatte die Mutter sie gelehrt und so kam das Mädchen nicht unvorbereitet zu den Menschen.

Offline Phoenix

  • Lichtkrieger
  • *****
  • Beiträge: 564
    • Meine kleine Welt aus Wort und Bild
Re: Kettengeschichte
« Antwort #5 am: 14. Februar 2007 - 21:37:16 »
Vor der Schänke an den Tischen herrschte ausgelassene Fröhlichkeit, als ein Reisender des Weges kam. Es war Wilow aus dem Auenland.
Er machte Halt an der Schänke, tränkte sein Pferd und ging dann auf den Tisch zu an welchem auch Rocko saß.
„Hallo, ist bei euch noch ein Plätzchen frei?“
Rocko drehte sich um und traute seinen Augen nicht. „He Wilow, bist du das?“
„Aber sicher bin ich das mein lieber Rocko! Welch Freude dich hier zu sehen.“
Die beiden Männer umarmten sich freudig und Rocko bot Wilow den Platz neben sich an.

Wilow setzte sich und grüßte freundlich in die Runde.
Rocko stellte so gleich Wilow vor und sagte: „Das ist mein alter Schulfreund Wilow aus dem Auenland.“
Die Anderen hießen Wilow herzlich willkommen. Demud war auch sofort mit dem Hausgebräu zur Stelle, welches Wilow dankend annahm.

Schnell war natürlich ein lebhaftes Gespräch im Gange. Zuerst wurden alte Zeiten aufgewärmt.
Rocko und Wilow erzählten von den kleinen Streichen, die sie der hübschen Lehrerin gespielt hatten. Auch von Elfen und Kobolden war die Rede.
Die Männer und Frauen am Tisch hörten gespannt zu.

Nach einer ganzen Zeit fragte dann Rocko: „Sag Wilow, wie geht es meinem Eltern und meiner kleinen Schwester Juliana?“
„Deinen Eltern geht es gut, sie sind wohlauf. Und die kleine Juliana? ..“ Willow lachte auf „Sie ist recht groß geworden und wunderschön anzusehen und stell dir vor, erst vor ein paar Tagen flüsterte mir eine kleine Elfe ins Ohr, dass wohl bald eine Hochzeit im Auenland ansteht und sie sprach von deiner kleinen Schwester Juliana.“
Rocko hörte auf: „Was sagst du da?“
„Ja, so wurde mir von der kleinen Elfe zugetragen und du weißt ja selbst, dass die kleinen Elfen immer alles wissen und glaub mir, mein lieber Rocko, auch mir würde Juliana recht gut als Braut gefallen.“
 „Na an der Kleinen würdest du dir die Zähne ausbeißen“, entgegnete ihm Rocko grinsend.
"Trenne dich nie von deinen Illusionen! Sind sie verschwunden, so magst du noch existieren, aber du hast aufgehört zu leben."
Mark Twain

Offline Zzora

  • Suchender
  • **
  • Beiträge: 80
Re: Kettengeschichte
« Antwort #6 am: 15. Februar 2007 - 00:01:41 »
Am Morgen wusch sich Annkatrin am Bach und teilte das letzte Brot und Obst mit ihren kleinen Freunden, nahm ihren Stab und machte sich auf den Weg. Demuds Wirtschaft konnte nicht mehr weit sein. Ihr Mutter hatte deren beide Söhne Odo und Giso mit auf die Welt geholfen. Sie hatte immer gut von Demud gesprochen.Annkatrin wollte dort nach dem Weg zur Abtei fragen. Vielleicht wusste ja Servatius etwas über ihren Vater.Irgendjemand musste ihr doch Schutz bieten können...Sie fühlte das Kreuz ihrer Mutter unter ihrem Kittel. Das würden Mutters Freunde erkennen.
Von weitem sah sie zwei junge Burschen vorbeireiten in Richgtung Schloss und sie duckte sich tief unter die Bäume..Wo die wohl schon so früh herkamen? Nun, vielleicht hatten sie ja im Gasthaus übernachtet.Hinter der Wegbiegung sah sie schon das Dach leuchten bund beschleunigte ihren Schritt.
Freundlich grüßte Demud als sie in die Schankstube trat. Annkatrin konnte sich plötzlich wieder an dies Gesicht erinnern und wer konnte schon so rotes Haar und Sommersprossen vergessen.Es polterte in der Küche und einer von ihren Söhnen lugte schuldbewußt um die Ecke.
Annkatrin verlangte einen Krug Bier, zeigte der Wirtin das Kreuz ihrer Mutter und fragte nach dem Weg zur Abtei.Demud sah das Mädchen mitleidig an. Sie hatte das Kind der Hebamme kaum erkannt.Es war immer still und aufmerksam gewesen und der Mutter immer zur Hand gegangen.Jetzt erkannte sie die schrägstehenden tiefblauen Augen wieder....Wenn du einen Moment warten kannst,wird dich Bruder Victor sicher mit ins Kloster nehmen.Er holt gleich die Milch ab.Annkatrin nickte erfreut, dass sie Begleitung bekam auf dem Weg.Für eine Frau war es nicht ungefährlich, allein zu reisen.Demud stellte ein Schüsselchen mit Haferbrei vor sie hin und bat sie, sich erst einmal zu stärken.Annkatrin lächelte sie dankbar an,knurrte doch ihr Magen schon wieder.
Als sie fertig war, kam Bruder Victor herein, um sie sich anzusehen. Nein, er kannte das Mädchen nicht und war nicht erfreut, dass er sie mitnehmen sollte.Annkatrin wollte ihm Mutters Nachricht für den Abt Servatius aber nicht geben, sie war angewiesen worden, sie persönlich zu überreichen.
Also nahm sie ihr Bündel und folgte dem Mönch mit der Milchkanne, der flink ausschritt.


marengo

  • Gast
Re: Kettengeschichte
« Antwort #7 am: 15. Februar 2007 - 13:12:01 »
Jedes Jahr, genau einen Tag nach Vollmond, wenn Tag und Nacht gleich lang sind, feiern wir unser Frühlingsfest. Tag -und Nachtgleiche. Nun aber soll es verboten werden. Viktor erzählte
Engelbert davon, ich hörte es zufällig. Wütend bin ich darüber, denn ein schöner Verdienst wird  somit ausbleiben. Viktor bringt immer schlechte Nachricht und mir scheint, es erfreut ihn.

Seine Augen gefallen mir nicht und Lambert, mein Mann, verlässt die Schänke, wenn Viktor
naht. Nicht einen Moment mag er mit ihm zu tun haben. Lambert stammt aus den Wäldern um Katlenburg, nahe bei Pölde, dem Sitz Heinrich des Dritten, direkt an der Ruhmequelle. Verschleppt von Schergen marodierender Banden fand er hier nach unglaublicher Not und Pein  Heim und Auskommen. Viktor, der Mönch ist ihm aus seiner Vergangenheit bekannt. Verschlagen nennt er ihn und dem Teufel näher als je einem Gotte. Auf jeden Fall ist er ein Großmaul, denn ständig spricht er über seinen Abt Servatius, als ob er sein bester Freund sei und ohne ihn gar nichts ginge. Doch werde ich mich hüten, Viktor nicht den nötigen Respekt zu zollen, denn er ahnt sicher, dass ich heimlich Bier braue und so bin ich auf seine Diskretion angewiesen.

Heute sind alle Tische besetzt, auch Rocko ist hier. Mein Herz hüpft vor Freude, wenn ich ihn sehe. Groß und stark ist er. Wundervoll anzusehen und niemand galoppiert so vollendet wie er daher. Agendon, ein rassiges Tier, wie für ihn geschaffen. Heute unterhält er sich gar köstlich mit einem Fremden aus dem Aueland und ich habe das Nachsehen. Sehr schade.

Vor einer Weile kam Annkatrin, angeblich die Tochter der Hebamme Marle, die vor Jahren
meine Söhne Odo und Giso mit auf die Welt brachte, doch ich bin skeptisch, die Zeiten sind
schwer, viel schlechtes Volk treibt sich herum. Einen Teller Brei und einen Becher Bier will ich ihr  dennoch geben, denn klapperdürr und müde sieht sie aus, gleich einem  grauen frierenden Spätzlein.  Aber Odo und Giso meine Söhne haben sich gleich zu ihr gehockt, denn wahre Schönheit kann nichts verdecken.  Ich werde jetzt  dazwischen gehen.
Arbeit gibt es genug für beide, die gleich erledigt werden muss und Annkatrin zieht heute hoffentlich rasch mit Viktor  weiter. 

Mir ist die ganze Angelegenheit unbehaglich und ich fühle dunkle Tage auf uns zukommen . . . . .






Offline Pseudolin

  • Sanfte Stimme des Forums
  • Lichtkrieger
  • *****
  • Beiträge: 797
  • Kommentare und Kritik sind willkommen
Re: Kettengeschichte
« Antwort #8 am: 17. Februar 2007 - 18:01:31 »
"Jauchzet, alle   Lande, Gott zu Ehren, rühmt seines Namens Herrlichkeit"
   
Der Gesang der Mönche schwoll an und erfüllte mit dem Psalm 66 die Kirche. Der Blick des Abtes verweilte auf dem Leitspruch des Ordens:
"ora et labora" Bete und Arbeite.

Er dachte an die Zeit vor 8 Jahren, als er gerade 1 Jahr nach Ablegung seines Gelübdes, von seinem damaligen Abt Gisbert zur Abtei Cluny nach Frankreich geschickt wurde um sein Wissen zu vervollkommnen. Der Abt dieser Abtei war Hugo von Cluny. Seine Studienfächer waren Rhetorik, Grammatik, Philosophie, Astronomie, Geometrie und Medizin. Er las Aufzeichnungen des heiligen Benedikt unter anderem seine Abhandlung über den heiligen Geist: "Fontes Christian", sowie "das Hexaemeron", eine neunteilige Predigtreihe über die Schöpfungsgeschichte. Hier sah er auch erstmals die "Regula Benedicti" mit ihren 73 Kapiteln in ihrer vollen Länge. Eine Abschrift hiervon wurde ihm bei seinem Abschied geschenkt. Ein wahrhaft fürstliches Geschenk.

Eine plötzliche Bewegung in der Nähe des Kirchenportals erregte seine Aufmerksamkeit. Eine gedrungene, verschmutzte Gestalt zwängte sich durch den Türspalt und eilte auf den in der Nähe stehenden Bruder Kaspar zu. Dieser wehrte zunächst unwirsch ab, beugte dann jedoch sein Haupt
zu dem immer lauter gestikulierenden Mann hin. Unruhe entstand und die ersten Mönche ließen sich ablenken und richteten ihre Blicke zum Eingang. Zorn ob dieser Störung des Gottesdienstes wallte in Servatius auf. Er zwang sich dazu sich gemessen zu erheben und ging auf den Ruhestörer zu, nicht ohne strafende Blicke auf die Mönche zu werfen, die es gewagt hatten, ihren Blick zum Portal zu richten. Der Mann sah wohl den Unmut im Gesicht des Abtes, warf sich zu Boden und stammelte: "Verzeiht erwürdiger Abt, aber ein Unglück, ein fürchterliches Unglück ist geschehen." Servatius erschrak, gebot dem Mann sich zu erheben und führte in aus der Kirche, gefolgtvon Bruder Kaspar, dem stellvertretenden Pförtner.

Jetzt, in der Morgendämmerung, erkannte er in ihm einen der Meister der Glashütte. Diese lag gut 8 Wegstunden von der Abtei entfernt und war einer der besten Einnahmequellen des Klosters. Er schickt Bruder Kaspar zurück um den Zellerar holen zu lassen und befahl ihm mit diesem zum Infirmarium zu kommen. Der Mann vor ihm war völlig erschöpft, als wäre er den ganzen Weg gelaufen. Sein Atem hing stossweise, in Sturzbächen floss der Schweiß über sein gerötetes Gesicht. Der Abt beugte sich zu ihm hinüber und sprach beruhigend auf ihn ein. Dabei stellte er fest, dass sich
die Haut an den Händen des Meisters teilweise löste. Aus den Kleidern strömte intensiver Brandgeruch. " Hilfe brauchen wir, Hilfe" stieß der Mann heraus. Antonius, ja, jetzt fiel ihm der Name wieder ein, so hieß der Meister. "Ganz sicher wirst du diese bekommen. Doch komm jetzt erst mal mit mir, denn du musst jetzt zuerst versorgt werden. Wenn du dich etwas beruhigt hast, wirst du berichten, was denn so furchtbares geschehen ist." mit diesen Worten führte Servatius den Meister durch den Kreuzgang zum Infirmarium. Hier waren die Betten der Kranken. Bruder Pankratius sah die Beiden kommen und eilte ihnen entgegen. Gemeinsam stützten sie den immer mehr wankenden Antonius und legten ihn auf ein leeres Strohlager. Pankratius besah sich den Neuankömmling genauer und murmelte zu Servatius hinüber:"das sind schwerste Verbrennungen die der gute Mann hier hat. Bitte Bruder Abt flösst ihm reichlich von dem verdünnten Wein ein, der in dem Krug auf dem Fenstersims steht, während ich den Kräutergarten eile, um einige Pflanzen zur Versorgung dieser Wunden zu besorgen." Nach diesen Worten lief er die Türe hinaus.

Servatius hob den abdeckenden Tonpfropfen von dem Krug, nahm diesen vom Fentersims  und beugte sich zu Antonius hinunter. Mit der linken hob er den Kopf des Mannes leicht an und führte ihm den Krug an den Mund. Gierig trank Antonius. Der Abt nahm sofort den Krug fort und mahnte:"Langsam trinken, in kleinen Schlucken, du wirst dich sonst übergeben." Nachdem der erste Durst gestillt war, richtete sich Antonius auf und keuchte hervor: "Abt Servatius, einer der Öfen zur Glaschmelze ist geborsten. Ein großes Feuer hat sich in Windeseile ausgebreitet. Wie viele sich retten konnten, vermag ich nicht zu sagen. Nur ein Wunder wird diese Feuersbrunst aufhalten können."

Inzwischen war Pankratius mit einigen Kräutern (Blätter von Eisenkraut, Efeu und Johanniskraut) zurückgekehrt und zerrieb diese in einem Mörser zu Brei. Mit diesem bestrich er die Hände, Arme, Gesicht und Nacken des Meisters. "ich werde noch einen Heiltrank zubereiten, den du trinken musst" sprach er zu Antonius. Dabei umwickelte er die eingestrichenen Stellen mit sauberen Leinentüchern. "Wir werden uns schon um alles kümmern". damit eilte er wieder hinaus und kehrte kurz darauf mit einem Becher zurück. "Trink dieses, es wird dir gut tun" sagte er und führte
dem Meister den Becher an die Lippen. Kurz nach Einnahme des Trunkes war der Mann auch schon eingeschlafen.

Inzwischen war der Cellerar und der Pförtner auch zu dem Krankenzimmer gekommen. Der Abt berichtete mit kurzen Worten, was er erfahren hatte. Wir werden die Brüder im Kapitelsaal zusammenrufen und einen Trupp zusammenstellen der nachsieht was das Feuer angerichtet hat und was nun ganz genau geschehen ist. Er beauftragte beide die Mönche, die Laienbrüder und die Leibeigenen zusammenzurufen.

Auf dem Weg zum Kapitelsaal überlegte er die Zusammenstellung des Trupps und was diese alles mitnehmen mussten. Die Tagesordnung würde gehörig aus den Fugen geraten. Aber diese Sache hatte eine hohe Priorität. Mehr als die Hälfte der Einnahmen der Abtei kamen aus der Waldglashütte. Da musste dieser Firlefanz mit dieser Demud zurückstehen. Er beschloss selber nach dem rechten zu sehen und den Trupp zu begleiten. Gernulf, der Prior würde ihn schon gut vertreten.

In der Morgendämmerung zeigten sich schwarze, schwere Wolken am Himmel und ein kühler Wind pfiff durch den Kreuzgang. Er schickte ein Stossgebet zum  heiligen Domenicus. Regen würde sehr helfen dieses Feuer einzudämmen. Feuer waren eine Katastrophe. Ein Heimsuchung des Herrn. Es gab nichts, was gegen eine richtige Feuersbrunst ausgerichtet werden konnte. Da konnte nur Gott helfen. In diesem Moment
erhellte ein Blitz die gesamte Abtei, ein schwerer Donnerschlag folgte und der Himmel öffnete seine Schleusen.

Er öffnete schnell die Tür zum Kapitelsaal und ging hinein.
Bleibe immer Du selbst

Offline Wolfsskin

  • Warmes Licht des Forums
  • Administrator
  • aufgestiegener Meister
  • *****
  • Beiträge: 9436
  • Kritik ist ausdrücklich erwünscht!
    • Stairway-to-heaven.de
Re: Kettengeschichte
« Antwort #9 am: 18. Februar 2007 - 17:35:07 »
„Hallo, ist bei euch noch ein Plätzchen frei?“
Rocko drehte sich um, die Stimme klag wohl in seinen Ohren.
Sein Herz hüpfte vor Freude, denn vor ihm stand sein alter Freund aus Kindheitstagen.
„He Wilow, bist du das?“, rief er freudig aus.
„Aber sicher bin ich das mein lieber Rocko! Welch Freude dich hier zu sehen.“
Sie umarmten sich heftig und klopften sich auf die Schulter. Rockos Herz weitete sich und Sehnsucht schlüpfte hinein.
Wie viele Jahre hatte er ihn nicht mehr gesehen. 5 oder 10 Jahre? Er wusste es nicht mehr. Zu lange war er schon aus dem Auenland fort.
Wilow nahm neben ihm platz und er lauschte begierig seinem Bericht aus der Heimat.
Als Wilow erzählte, wie seine kleine Schwester Juliana zu einer hübschen Frau herangewachsen war, wurde es schwer um sein Herz und das Heimweh nagte an ihm.
Nun sollte sie bald heiraten. Über seinen zukünftigen Schwager wusste Wilow nichts zu berichten.
Denn die Botschaft kam von den Elfen, die wussten, dass Wilow an die Flussmündung reisen wollte.
Er seufzte in sich hinein, ja die Elfen. Die Gespräche nachts auf der Waldlichtung fehlten ihm sehr.
Hier an der Mündung hatte man sie vertrieben und die Menschen hatten verlernt, ihnen zuzuhören, wenn eine Elfe sich mal traute sich ihnen zu zeigen.
So waren sie ins Auenland gezogen. Doch das war geheim und er hütete das Geheimnis der Elfen.

Wie Wilow berichtete, ging es seinen Eltern gut und sie hofften natürlich darauf, ihn bei der Hochzeit dabei zu haben.
Rockos Gedanken wanderten zur Magd im Schloss. Sie sagte zwar, dass sie aus dem Auenland käme,
aber von ihrem Verhalten her war nichts den Menschen gleich, die er dort kannte. Sie kannte noch nicht mal das Lied des Auenlandes.
Dabei ist es so etwas wie ein Heimatlied, das für alle die Verbundenheit im Auenland bedeutet. Sehr seltsam kam ihm das vor.
Doch da wollte er ein anderes mal nachhaken, bei seiner hübschen Herzensdame mit den tollen Rundungen.

Jetzt zog sein Herz ihn erst mal zurück in die Heimat und zu seiner Familie.
Morgen, nahm er sich vor, wird er den König um Erlaubnis fragen, ins Auenland zu reisen.
Doch heute wollte er einfach seinen freien Tag genießen und mit Wilow auf alte Zeiten anstoßen.
Was ihm nicht gefiel, Wilow hin oder her, dass Demud scheinbar jedem ihr unerlaubt gebrautes Bier anbot.
Das war gefährlich, denn wenn der Abt davon erfuhr, dann wird Demud und ihrer Familie kein gutes Schicksal zuteil.
Sie ist aber auch leichtsinnig...
Rocko betrachtete Wilow von der Seite. Er war gut gewachsen und hatte ein gutes Herz. Das wusste er schon immer.
Sicher wäre er ein guter Ehemann für Juliana. Seine blonden Locken umragten ein braungebranntes Gesicht,
in dessen Mitte zwei leuchtend blaue Augenpaare wohnten.
Seine Hände waren schwielig, doch das war ganz normal für das Auenland. Dort wurde jeden Tag hart um das tägliche Brot gekämpft.
Anfangs hatte man sich nur um die Landwirtschaft gekümmert, doch später wurde mangels landwirtschaftlichen Flächen Holz gerodet.
Wie Rocko von Wilow erfuhr, gab es nun neben Holzfällern auch Hafenmacher im Auenland. Da es zu beschwerlich war, die fertigen Öfen zu transportieren,
hatte man sich überlegt, das Holz selbst zu verbrennen und statt Öfen nun die Pottasche, die durch die Meister, den sogenannten Pottaschesiedern,
gewonnen wurde, in die Lande zu schicken. Der Handel blühte. Noch immer wurde gerne getauscht.
„Sag´mal Wilow“, unterbrach Rocko mit in Falten gezogener Stirn Wilow in seinem Gespräch mit Engelbert, „wohin treibt es dich denn eigentlich?“
Rocko dachte sich, dass es doch schön wäre, gemeinsam ins Auenland zu reisen.
Doch Wilow war noch nie der Typ, der ohne Grund das Auenland verlässt.
Ihr seid nicht in euren Körper eingeschlossen,
noch an die Felder oder Häuser gebunden.
Das, was ihr seid, wohnt über dem Berg
und treibt mit dem Wind.

Khalil Gibran (1883 - 1931)

marengo

  • Gast
Re: Kettengeschichte
« Antwort #10 am: 28. Februar 2007 - 11:43:52 »
Schlechte Nachricht kam von weit her. Ein schreckliches Höllenfeuer zerstörte die
Glashütte und verbrannte Antonius, den jüngsten Bruder Lamberts. Drei Tage soll
er noch unter größten Qualen überlebt haben, ehe der Allmächtige ihn endlich zu
sich nahm. Nun ist sein Weib mit ich weiß nicht wie vielen Kindern auf dem Weg
zu uns ins Dorf. Lambert, mein Mann wollte es so und ich muss mich fügen. Leid
tut sie mir schon, die arme Schwägerin, aber lästig ist mir die ganze Angelegenheit
allemal. Mit sechs weißen Käsen, einem großen Krug Bier und unzähligen  Fischen
erhandelte sich Lambert das Wohnrecht für seine Schwägerin. Hoffentlich müssen
wir das nicht bereuen.

Die Elfen tanzen heute Nacht, denn es ist Neumond. Zum Fluss werde ich gehen
und mir Hilfe erbitten, für diese schwere Zeit. Wilow, der Mann aus dem Aueland
wird auch von den Elfen geführt, das habe ich sofort bemerkt. Die Elfen offenbaren
sich nicht jedermann. Treffen immer die Wahl. Zu mir kamen sie vor langer Zeit, als
ich noch bei meiner Muhme, Gott hab sie selig, lebte. Meine Muhme war eine Kräuterfrau 
und selbst des Königs Hofmeister ließ sich von ihr bei Krankheit helfen.
Das ist lange her. Heute ist das Leben unruhig geworden. Es wird zu viel gehandelt,
mit fremden Waren. Pottasche, was mag das wohl sein und wer braucht das schon?

Der König und sein Gefolge kamen gestern hier vorbei, Schön blank hatten wir alles dafür
gemacht. Kein Krümchen lag auf dem Boden. Giso und Odo hatten gerade die
Reisigbesen in den Stall gestellt, als auch schon die Fanfaren erklangen. Weil wir uns so tief
vor der königlichen Pracht verbeugen mussten, sahen wir nicht viel mehr als ein paar Hufe,
Räder und Füße. Schnell war der herrschaftliche Augenblick vorüber,
aber wir blieben in festlicher Stimmung. Wäre die gute Königin dabei gewesen, hätte
sie sicher ein paar freundliche Worte für uns gehab.



Offline Wolfsskin

  • Warmes Licht des Forums
  • Administrator
  • aufgestiegener Meister
  • *****
  • Beiträge: 9436
  • Kritik ist ausdrücklich erwünscht!
    • Stairway-to-heaven.de
Re: Kettengeschichte
« Antwort #11 am: 03. Oktober 2007 - 17:34:07 »
"Lieber Rocko," sagte Wilow zu seinem Freund," Du weißt, dass ich sehr ungern das Auenland verlasse. Doch habe ich einen Auftrag erhalten, den ich ausführen muss."
"Was für einen Auftrag?", fragte Rocko und sah seinen Freund interessiert an.
"Bitte verzeih´mir, dass ich Dir das nicht sagen kann. Nur soviel, wenn ich meinen Auftrag nicht ausführe, dann kann es schlimme Folgen für das Königreich und für das Auenland haben."
"Wo musst Du denn hin? Oder darfst Du auch noch nicht mal das verraten?". Rocko war etwas zerknirscht. Früher haben sie jedes Geheimnis geteilt, doch nun kam ihm sein alter Freund so seltsam erwachsen und ernst vor.
Wilow lachte und schlug seinem Kameraden auf die Schulter. "Nun schau doch nicht so ernst. Ich muss zum König und für unsere Handelszone vorsprechen. Wir wollen einen Tauschhandel eröffnen und brauchen unter anderem auch seine Zustimmung."
"Da kommst Du einen Tag zu spät, mein lieber Freund. Der König fuhr gestern hier vorbei. Du hättest ihn hier treffen können. Doch weiß ich nicht, ob er seine Königin mitgenommen hat, denn nur dann hält die königliche Kutsche hier an der Taverne."
"Das macht nichts lieber Rocko, ich habe am morgigen Tag eine Audienz, um mein Anliegen vorzutragen. Magst Du mich nicht danach im Gesindehaus treffen?"
"Keine schlechte Idee," antwortete Rocko hocherfreut den lieben Freund noch ein mal wiedersehen zu können,"vielleicht habe ich ja dann auch eine gute Nachricht für Dich."
Rocko dachte daran, in aller Frühe, bevor der König zu seinem Ausritt aufbrechen würde und im Übrigen immer bester Laune ist, um Urlaub anlässlich der Hochzeit seiner Schwester zu bitten. Vielleicht würden sie ja gemeinsam zurück ins Auenland reisen können.
"Na da bin ich ja mal gespannt. Freue mich sehr auf Dich!"
Rocko erhob sich.
"Bis Morgen mein lieber Wilow. Ich muss nun langsam wieder los. Meine freie Zeit geht zu Ende. Und das Pferd möchte nach haus und gefüttert werden." Sie verschränkten einander die Arme und hielten sich am Handgelenk, ein Zeichen der Freundschaft aus ihrer Kindheit.
"Bis Morgen mein lieber Freund!"
Ihr seid nicht in euren Körper eingeschlossen,
noch an die Felder oder Häuser gebunden.
Das, was ihr seid, wohnt über dem Berg
und treibt mit dem Wind.

Khalil Gibran (1883 - 1931)

Offline siLenCe

  • Menschlein
  • *
  • Beiträge: 20
Re: Kettengeschichte
« Antwort #12 am: 19. Dezember 2007 - 18:39:56 »
Es war später Abend, die Sonne ging gerade unter, und die schöne Magd setzte sich nach einem strengen Arbeitstag draussen auf einen kürzlich gefällten Baum und schaute in den Himmel. Immer, wenn sie so da sass, empfand sie Sehnsucht nach dem Auenland, wo doch ihre Heimat war. Doch sie konnte an ihrer Lage nichts ändern. Nie wieder würde sie ihre Heimat sehen, nie wieder... Es machte sie traurig und eine einzelne Träne kullerte über ihre Wangen.

Niemand wusste von ihren Geheimnissen. Niemand kannte ihren richtigen Namen, auf den sie früher doch so stolz war. Vendethiel de Lacrimosa... Ein Name, der ihre Herkunft verriet, von der niemand etwas wissen durfte. Hier war sie die Magd Kelene. Niemand kümmerte sich um sie, eigentlich war sie allen egal. Doch dies war besser so, denn wenn jemand wissen würde, wer sie war, hätte sie niemals in diesem Schloss sein können. Die Königsfamilien waren nämlich Feinde, und ihre Anwesenheit wäre bestimmt nicht geduldet gewesen, hätte sie sich als verstossene Tochter vorgestellt.
Ihr Leben als Magd war trostlos. Die ganze Zeit musste sie arbeiten: Der Königin beim Anziehen helfen, ihre Haare bürsten, ihre Haut pflegen, sie musste kochen und wischen und spinnen. Arbeiten, die sie früher nie hatte machen müssen, die immer für sie gemacht wurden. Doch Vendethiel hatte keine Wahl, wenn sie im Schloss bleiben wollte. In ihrem mühseligen Leben gab es nur einzelne Lichtblicke. Manchmal durfte sie mit den Kindern spielen, auf die Kinder aufpassen, wenn die Königin und ihr Gesindel im Dörfchen waren. Ihr Herz schlug jedes Mal schneller, wenn sie ein kleines Kind auf den Armen halten durfte, wenn dieses Kindchen sie mit blauen Augen anstrahlte, dann wusste sie einfach, warum sie noch lebte. Diese Momente waren selten, und dafür um so kostbarer. Ihre Sehnsucht nach einem eigenen Kind war immer noch so stark wie damals. Doch es sollte wohl nicht so sein...

Eine weitere Träne kullerte Vendethiel über die Wangen. Abwesend fuhr sie sich mit den Händen übers Gesicht und betrachtete den Sonnenuntergang. In Gedanken versunken blickte sie still zum Himmel und dankte Gott, dass sie noch lebte. Denn wer wusste schon, was alles auf ihrer Reise hierher hätte passieren können.

Nachdem die Sonne untergegangen war und die Dunkelheit sich langsam auf die Erde legte, wurde es auch immer kälter. Vendethiel erhob sich und schritt auf das Gesindelhaus zu. Sie musste sich schlafen legen, denn der nächste Tag würde sehr hart werden. Als sie die schwere Tür aufstiess und hineingehen wollte, hörte sie hinter sich Pferdegetrappel und einen lauten Ruf. "KELENE! Warte bitte auf mich!" Es war Rocko. Auch das noch. Wenn er sie so sah, mit verweinten Augen, würde er ihr Fragen stellen und vielleicht noch aufdringlicher werden, als sonst. Er war wohl einer der einzigen, die sich für sie interessierte. Und das könnte gefährlich sein. Sie beachtete den Ruf deshalb nicht und ging schnell hinein, schloss die Türe hinter sich und rannte die Treppe hoch, in ihre Kammer. Ausser Atem schob sie den Riegel vor, damit er nicht hineinkommen konnte und warf sich aufs Bett. Sie zog die Decke über sich und versteckte ihren Kopf unter dem Kissen, damit sie das Poltern an der Türe nicht hören musste. Und tatsächlich, es ging nicht lange, da kam Rocko die Treppe hinaufgestapft und klopfte an ihre Türe. "Kelene, mach auf, ich weiss, dass du da bist. Kelene! Bitte, lass mich hinein. Kelene, ich tu dir auch nichts, lass uns nur ein wenig reden."
Was auch immer er von ihr wollte, sie ignorierte es. Er durfte nichts von ihr wissen, so sehr sie sich auch nach ein wenig Liebe und Verständnis sehnte. Ihre Heimat war auch seine Heimat, er durfte sie nicht erkennen.

Als Rocko einsah, dass es wohl nichts bringte, weiter auf Kelene zu warten, verliess er das Gesindelhaus, um sein Pferd zu versorgen. Vendethiel hörte seine sich entfernenden Schritte und atmete erleichtert auf. Nun konnte sie sich endlich wieder ihrem Plan widmen. Sie hatte ihr Leben als Magd satt, sie wollte nicht ewig der Königin dienen, sie wollte selbst das bekommen, was ihr zustand. Sie erhob sich, verliess das Bett, und stellte sich vor ihren Wandschrank. Den Schlüssel, den sie jetzt hervor nahm, bewahrte sie immer an einer Kette um ihren Hals auf. Leise drehte sie ihn im Schloss und öffnete die Türe. Dort war alles, was noch an ihre ursprüngliche Heimat erinnerte. Sie nahm das wertvolle Pergament und ihre teure Feder hervor. Weil sie sonst keine andere Möglichkeit hatte, denn eine arme Magd besass schliesslich nicht viel, in der Kammer war nicht einmal ein Tisch vorhanden, legte sich auf den Boden, um bis tief in die Nacht hinein an ihrem Plan weiterzuschreiben.

 


SMF 2.0.15 | SMF © 2011, Simple Machines
Manuscript © Blocweb

Seite erstellt in 0.113 Sekunden mit 23 Abfragen.