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Autor Thema: Haiku ?  (Gelesen 1899 mal)

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Offline Wolfsskin

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Haiku ?
« am: 10. September 2006 - 17:24:36 »
Aufbau

Die japanische Dichtung ist nicht Silben zählend, sondern quantisierend. Ein Haiku nach traditionellem Vorbild besteht aus einem Vers zu drei Wortgruppen à fünf, sieben und fünf japanischen Moren (5-7-5). Eine Mora ist eine Sprechzeiteinheit. Eine japanische Silbe trägt eine Mora, wenn der Vokal kurz ist und die Silbe offen auslautet. Ein langer Vokal trägt zwei Moren. Ein n am Schluss einer Silbe oder ein verdoppelter Konsonant (Sokuon, wörtlich „gespannter Laut“) trägt ebenfalls eine Mora. Die meisten rein japanischen Wörter bestehen aus Silben mit einer Mora. Silben mit mehreren Moren sind meist sinojapanischen Ursprungs.

Ein Beispiel:

Nippon wa ist die erste Zeile eines Haiku und besteht aus fünf Moren wie folgt:

Ni + p + po + n + wa.

Geschichte

Vorläufer des Haiku waren das Tanka (5-7-5 und 7-7 Silben) und das Renga (eine Kette von Tanka). Das Haiku entstand im 17. Jahrhundert als Herauslösung des Startverses (Hokku) aus dem Renga. Da der Renga-Startvers immer einen Hinweis auf die Jahreszeit (季語 Kigo) enthalten musste, um den Zeitpunkt der Entstehung festzulegen, werden auch im Haiku meistens Szenen aus der Natur beschrieben.

Der erste große Haiku-Dichter war Matsuo Basho (1644-1694), dessen Frosch-Haiku wohl das meistzitierte Haiku der Welt ist:
古池や    furu ike ya    Der alte Weiher
蛙飛び込む    kawazu tobikomu    Ein Frosch springt hinein
水の音    mizu no oto    Das Geräusch des Wassers

Geprägt wurde der Begriff Haiku erst von Masaoka Shiki (1867-1902).

Große Haiku-Dichter waren zudem Buson und Kobayashi Yataro, genannt Issa, aus der Provinz Shinano. Issa brach zuweilen mit der konventionellen und erstarrten 5-7-5-Form. Seinen Werken, die der zunehmenden Sophistizierung der Haikus eine Absage erteilten, liegt eine tiefe Liebe zu Mensch und Kreatur zugrunde, die oft mit einem feinen Schuss Humor gewürzt waren:

Auf dem Seerosenblatt der Frosch
aber was macht er
für ein Gesicht?

Allgemeines

Aus dem Vorwort des Kokinshu (Sammlung alter und neuer Gedichte) aus dem Jahre 905 stammt folgendes Zitat:

 „Die japanische Dichtung hat als Samen das menschliche Herz, und ihr entsprießen unzählige Blätter von Wörtern. Viele Dinge ergreifen die Menschen in diesem Leben: sie versuchen dann, ihre Gefühle durch Bilder auszudrücken, die sie dem entnehmen, was sie sehen und hören.“

Es kennzeichnet die japanische Lyrik für über 1.000 Jahre.

Das Haiku lebt davon, dass sich der Dichter darauf beschränkt, dem Leser einen einzigen sinnlich wahrnehmbaren Augenblick unmittelbar vorzustellen – ohne Titel, ohne Kommentar, ohne verschlüsselnde Sprache und ohne die Unmittelbarkeit störende Metaphern oder Vergleiche. Dem Leser bleibt es dann überlassen, den dargestellten Augenblick nachzuvollziehen und von sich aus zum inneren Anlass des Verses zu finden.

Viele Haiku sind in kalligraphisch schöner Form dargestellt. Die Silbenzahl ergibt im Japanischen einen Sprechtakt, der einen ähnlichen Erinnerungswert bietet wie im Deutschen die Reime.

Haiku außerhalb Japans

Erst Mitte des 20. Jahrhunderts begann das Haiku auch die westliche Welt zu erobern. Zunächst verbreitete es sich in Nordamerika und im gesamten englischen Sprachraum. Ein wichtiger Wegbereiter war der Engländer Reginald Horace Blyth, der zeitweise als Lehrer am japanischen Hof arbeitete und von 1949 bis 1952 eine vierbändige Anthologie mit dem Titel „Haiku“ veröffentlichte. Heutzutage werden Haiku in fast allen Sprachen der Welt geschrieben.

Deutschsprachige Haiku

Auch im deutschsprachigen Raum hat das Haiku inzwischen Fuß gefasst. Im Deutschen ist das Silbenmuster 5-7-5 allerdings umstritten, da Silben in der deutschen Sprache viel freier gebildet werden können als im Japanischen und daher nicht zwangsläufig einen Rhythmus ergeben. Nach einer Gewöhnung an die typische Kürze des Haiku mittels des strengen Musters verfassen viele Autoren seit einigen Jahren immer öfter Dreizeiler ohne Silbenzählung.

Lange Zeit auf eine kleine Gemeinde von Haikuschreibenden beschränkt, hat sich in den letzten Jahren eine lebendige Szene im Internet entwickelt.

Der Semiologe Roland Barthes greift das Haiku als faktisches Gegenmodell zum westlichen Sprachzeichengebrauch auf. Für ihn sind Haiku von klarer, unkommentierbarerer Natur, während die westliche Kommunikation sich in Konnotationen und Manipulationen verliert.

Quelle: wikipedia.de
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Re: Haiku ?
« Antwort #1 am: 03. Mai 2013 - 08:36:36 »
Hallo zusammen,

es gibt Neuigkeiten zum Thema Haiku.

Die Bibliothek deutschsprachiger Gedichte hat ein Interview mit Georges Hartmann, dem 1. Vorsitzenden der deutschen Haiku-Gesellschaft geführt, hier ein Auszug:

Zitat

Was ist das Besondere an Haiku?
Georges Hartmann: Die konkrete Beschreibung einer Beobachtung, eines Augenblicks, eines inneren Gefühls und was man noch alles thematisieren möchte. Es kommt mit einer begrenzten Anzahl von Worten bzw. Silben aus ...
Das Haiku verzichtet auf jeglichen Reim, bewegt sich in der Gegenwart, kann dadurch natürlich auch einen in die Vergangenheit gerichteten Gedankengang evozieren. Die Offenheit, der Nachhall und der Verzicht auf Deutungen öffnet den Raum für die Erfahrungen und die Assoziationen des Lesers. Haiku sind somit Skizzen, die sich im Lesenden weiterentwickeln und vollenden.

Gibt es verschiedene Formen?
Georges Hartmann: Das klassische Haiku (17 Silben in drei Zeilen zu jeweils 5 - 7 - 5 Silben) wurde mittlerweile abgelöst. Es gibt auch ein- bzw. zweizeilige Haiku, wobei der größte Schritt darin besteht, mit weniger als 17 Silben zurechtzukommen. Das sind die sogenannten Freestyle-Haiku.

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